Gruppe 1: Eine Frage des guten Geschmacks? Zur Entstehung von Normen in der Lebensmittelproduktion
Essen und Trinken sind kulturelle Praktiken, die einem steten Aushandlungsprozess unterliegen. An ihnen werden Status und gesellschaftliche Stellung ersichtlich und gegenüber Dritten und vermeintlich Gleichen auch allzu häufig bewusst demonstriert. Der Konsum welchen Getränks ist etwa mit welcher Bedeutung und welchem Ansehen verknüpft?
Das 19. Jahrhundert lässt sich dabei als Übergangsphase fassen, in der sich eine Vielzahl an Regeln und Normen etablierten: von Zuchtpraktiken in der Massentierhaltung bis hin zu Weinfälschungsprozessen und regional unterschiedlichen Brauordnungen. Deutlich wird: In dem Ringen um Standards trafen eine Vielzahl an Interessensgruppen aufeinander, die teils mit erbitterten Konflikten um Erträge und Macht einhergingen. Insbesondere anhand von Beispielen aus der Fleisch- und der Alkoholproduktion werden wir diesen Aushandlungs- und Normierungsprozessen nachspüren. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem 19. Jahrhundert.
Gruppe 2: Das Ende des Ostblocks. Ursachen, Jahre des Wandels, Folgen (1980-2000)
Zur Zeit der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki 1975 befanden sich die Warschauer-Pakt-Staaten auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Die westlichen Staaten erkannten die Unverletztlichkeit der Grenzen in Europa an, während global Nordvietnam im selben Jahr den Vietnam-Krieg endgültig für sich entschied. Der Westen befand sich in der Defensive. 14 Jahre später, 1989, brach der Ostblock zusammen, nur zwei Jahre später zerfiel das größte Land der damaligen Welt, die UdSSR. Das Bachelorseminar nimmt die Jahre der Krise, den Umbruch 1989-1991 selbst sowie die Folgen für die Staatenwelt Ostmittel-, Ost- und Südosteuropas ins Visier.
Gruppe 3: „Zar Wars“: Episode I – Das Imperium schlägt zurück: Die russische Renaissance des 18. Jahrhunderts
Das 18. Jahrhundert markierte die Schicksalswende für das russische Zarenreich. Mit Peters Kulturrevolution wurde die alte Rus aus den Angeln gehoben und das Imperium geboren. Danach war nichts mehr wie zuvor. Peter hatte das Fenster nach Europa geöffnet, seine „Töchter“ machten das Reich zu einer europäischen Großmacht. Während Anna dem russischen Hof zu einem Prunk verhalf, der westliche Reisende sprachlos machte, und Elisabeth Russlands außenpolitischen Einfluss im Siebenjährigen (1. Welt-)Krieg zementierte, bildete das umfangreiche Reformprojekt Katharinas II. die finale Eintrittskarte Russlands für das politische Parkett Europas und die Geistesrevolution der Aufklärung.
Im Rahmen des Seminars wollen wir uns mit den zentralen Zäsuren befassen und diese diskutieren. Wir werden die Reformen Peters I. erörtern und schließlich mit dem „Zeitalter der Damen“ und den Reformen Katharinas II. Russland an der Schwelle zum 19. Jahrhundert verlassen und in die Moderne entlassen. Das Seminar bietet eine breite Quellenbasis an, die Architektur, Ton und Bild ebenso umfasst wie Memoiren und Gesandtschaftsberichte.
Gruppe 4: Produktivkraft Wissenschaft: Theoriegeschichte einer Vision
Dass Wissenschaft im Begriff war, zur „Produktivkraft“ zu avancieren und sich „Wissen“ damit als weiterer Produktionsfaktor einreihen würde –– neben die klassischen: Boden, Arbeit und Kapital –– gehört zu den Kernelementen spätkapitalistischer Theoriebildung. Wenn in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren über das Wesen der Industriegesellschaft, über Planung und Staat, über die Bedingungen und Ursachen von Wachstum, über einsetzende oder ausbleibende Krisentendenzen oder überhaupt über die Zukunft nachgedacht wurde, war die Frage nach der „Wissenschaft“ (oder der Technologie oder dem Fortschritt) in aller Regel nicht fern.
Varianten und Versionen dieser wissenschaftszentrierten Theoriebildung finden sich daher in den unterschiedlichsten Milieus: im Umfeld der Studentenbewegung/APO ebenso wie im Dunstkreis des BDI, in der bürgerlichen Ökonomie ebenso wie bei Propheten einer „neuen Arbeiterklasse“, bei Denker*innen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs, bei Theoretiker*innen nördlicher Stagnation, südlicher Dependenz oder fernöstlicher Dynamik.
Anhand ausgewählter Primärquellen und Texten der Sekundärliteratur lernen Studierende im Seminar das Spektrum diesbezüglicher Positionen kennen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf deren ideenhistorischer und wissenspolitischer Kontextualisierung.
Gruppe 5: Die Karriere des Stichworts "Identität" in den Jugoslawien-Kriegen der 1990er Jahre
Das Stichwort Identität ist heute in aller Munde. Dessen Karriere begann Anfang der 1990er Jahre, die mit den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien koinzidierte. Ins Spiel kam „Identität“ bei der Interpretation, Bewertung und Analyse der Gewalt in Jugoslawien auch hier in der Bundesrepublik. Heute ist es nahezu selbstverständlich von nationalen oder kollektiven Identitäten zu sprechen, als handele es sich um fest umrissene konkrete Ganzheiten – die zudem miteinander in Konflikt geraten können. Die Rede ist dann von „ethnischen Konflikten“ die nahezu notwendig zu Gewalt führen. Gerade solche Vorstellungen aber gilt es aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive immer auch zu hinterfragen. Dieses Seminar bietet sowohl eine Einführung in die Geschichte Südosteuropas anhand der Kriege in Jugoslawien in den 1990er Jahren als auch eine Einführung in Ideen und Begriffsgeschichte anhand einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Stichwort Identität.
Die Veranstaltung findet hybrid statt: zu Semesterbeginn sind die ersten beiden Sitzungen in Präsenz, danach alle zwei Wochen in Präsenz.
Gruppe 6: „Von meiner gegenwärtigen Gemüthslage“: Selbstzeugnisse in der Frühen Neuzeit
Autobiographien, Tagebücher, Briefe: Selbstzeugnisse sind als Quellen aus der historischen Forschung nicht wegzudenken. Sie geben Aufschluss über historische Konzeptionen von Individualität, Identität und Subjektivität. Sie legen Differenzmarkierungen offen, wie soziale Schicht, Religion, Gender oder race. Und sie erlauben Einblick in Erfahrungs- und Wahrnehmungswelten. Als—vermeintlich—direkterer Zugang zur Lebens- und Erfahrungswelt historischer Akteur*innen sind sie sowohl bei Studierenden populär als auch ein in der Öffentlichkeit beliebter Zugang zu Geschichte. Zum Fokus auf dem Quelleninhalt sind insbes. in den letzten Jahren praxeologische and materielle Fragen getreten, bspw. die Prozesse, Orte und Anlässe des Schreibens, die Materialität von Notizbüchern oder die Faltweisen von Briefen. Insbesondere Korrespondenzen werden darüber hinaus zunehmend als transnationale Verbindungsmedien erkannt, die durch die Schaffung einer „globalen Intimität“ imperiale Netzwerke unterstützten.
Der Kurs bietet eine Einführung in europäische Selbstzeugnisse in der Frühen Neuzeit: welche Quellen gelten als Selbstzeugnisse bzw. Ego-Dokumente und welche Begrifflichkeiten werden verwendet? Gibt es Konjunkturen der Selbstzeugnisproduktion und wie verhalten sie sich zu Individualitätskonstruktionen? Was sind Praktiken der Selbstbezeugung (schreiben, signieren, erzählen)? Darüber hinaus bietet der Kurs einen Überblick über verwandte Ansätze, insbes. Mikro- und Alltagsgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Erfahrungs- und Emotionsgeschichte, life writing studies und historische Anthropologie.
Gruppe 7: Anthropocene. Growth, Environment and Sustainability in Historical Perspective
Lecturers Nützenadel, Alexander / Tony Joakim Ananiassen Sandset (Oslo) / Fabio Lavista (Pisa). This BA seminar will explore the Anthropocene as a key concept for understanding the historical evolution of economic growth, environmental transformation, and sustainability. It examines how processes of economic expansion, technological innovation, and cultural change have continuously reshaped the natural world from the early modern period to the present.
Drawing on interdisciplinary perspectives from history, economics, social science, and environmental studies, the seminar investigates critical transformations such as the Industrial Revolution, colonial resource extraction, the postwar “Great Acceleration,” and current debates on climate change, ecological limits, and models of sustainable growth.
The course will combine online activities with an in-person intensive session at the University of Pisa, fostering exchange among students and faculty from different academic and national backgrounds. The course encourages a comparative approach, interdisciplinarity and collaborative work. It aims to provide students with an insight into the theoretical and practical aspects of sustainable development, while promoting international cooperation.
Each student will have to prepare a brief essay on a specific topic assigned during the online sessions, either alone or in a group (depending on the number of participants). These essays will be presented in class during the on-site section and will form the basis of class discussions. A reading list for the final exam will be provided before the start of the course.
Date of online component (start-end): 4th May 2026 – 15th May 2026
Date of in-situ component (start-end): 18th May 2026 – 22nd May 2026
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