| Kommentar |
Nach Reinhart Koselleck entstand mit dem Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont in der sogenannten Sattelzeit um 1800 ein spezifisch neuzeitliches Zeitregime, in dem die Zukunft als offen und gestaltbar gedacht wurde. Seit den 1970er Jahren, in denen Koselleck diese These mit der Untersuchung der politischen-sozialen Sprache in den Geschichtlichen Grundbegriffen untermauerte, wurde in Soziologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft wiederholt ein Ende dieser progressiven Temporalisierung der Geschichte ausgerufen. Im Seminar wollen wir diese angebliche Veränderung des Zeitregimes der Moderne überprüfen, indem wir jenseits des zeitdiagnostischen Schrifttums den semantischen Wandel von Zeit- und Prozessbegriffen untersuchen. Konkret geht es also um die Geschichte von Zukunft, Fortschritt, Krise, Utopie, Prognose, Planung, Revolution, Entwicklung, Bewahrung/Erbe, Risiko, Nachhaltigkeit oder Resilienz und damit um Zentralbegriffe unserer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Weltauslegung. |
| Literatur |
Koselleck, Reinhart: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1989.
Esposito, Fernando (Hg.): Zeitenwandel. Transformationen geschichtlicher Zeitlichkeit nach dem Boom, Göttingen, Bristol, CT, U.S.A. 2017.
Geppert, Alexander C. T.; Kössler, Till (Hg.): Obsession der Gegenwart. Zeit im 20. Jahrhundert, Göttingen 2015.
Müller, Ernst; Schmieder, Falko: Begriffsgeschichte und historische Semantik. Ein kritisches Kompendium, Berlin 2016.
Lorenz, Chris; Bevernage, Berber (Hg.): Breaking up time. Negotiating the borders between present, past and future, Göttingen, Bristol, Conn. 2013. |