Seminar 1: Sprachliche Zweifelsfälle - sprachliche Fehler: ein grammatiktheoretischer Blick
Die meisten der in präskriptiven Grammatiken und populären Sprachratgebern zum Deutschen stigmatisierten sprachlichen Erscheinungen sind vom Standpunkt der Grammatik(theorie) interessant. So sind in der Vergangenheit innovative Analysen zur Modalverb-Grammatik entstanden, die das 'zu'-Gebot beim Verb 'brauchen' zum Anlass haben (Askedal, Reis). Neuere Fälle sind die Überperiphrase (habe gemacht gehabt) und infinites futurisches 'werden' (Reiners). Ähnliches gilt für den 'am'-Progressiv oder Kasusalternation bei der Präposition wegen. Viele solcher Phänomene sollen im Kurs behandelt werden: Praxisrelevante Erscheinungen, d.h. in der Öffentlichkeit diskutierte sprachliche Strukturen, werden aus grammatiktheoretischer Sicht thematisiert. Ein Überblick über die reichhaltige Literatur wird geboten und thematische Anstöße für die individuelle Beschäftigung werden unterbreitet. Zentral wird das neue Buch von Szczepaniak (Sprachliche Zweifelsfälle) sein. Das widmet sich derartigen Phänomenen. Darunter fallen bspw. die schwankende Kasusrektion bei Präpositionen wie wegen oder dank oder auch Flexionsformen von Substantiven wie bei dem Helden und dem Held. Es werden korpus-, sozio- und psycholinguistische Betrachtungsdimensionen diskutiert, mit denen sich Zweifelsfälle bezüglich ihrer Grammatikalität und Angemessenheit vom sprachlichen Fehler abgrenzen lassen.
Seminar 2: Wortbildung
Ausgehend von komplexen Wörtern wie Klimakleber, Doppel-Wumms, glückstechnisch, Rotes-Kreuz-Hilfe, Schaulästige, Pflexit, freitesten, verbrücken, heißkalt… werden wir uns mit den Einheiten der Wortbildung, ihrer Verbindung zu größeren Einheiten sowie ihrer linguistischen Modellierung beschäftigen. Dabei werden wir folgenden Fragen nachgehen: Was macht den traditionellen Morphembegriff bzgl. der Dichotomie zwischen Lexikon und Grammatik problematisch? Sind Regel und Analogie komplementäre Begriffe? Ist die Unterscheidung zwischen Komposition und Derivation gerechtfertigt? Welche Kompositionstypen sind anzunehmen? Ist die Konversion ein eigener Bildungstyp? Handelt es sich bei Partikelverben um morphologische oder syntaktische Konstruktionen? Was spricht für und was gegen die Unterscheidung zwischen Wortbildung und Syntax?
Seminar 3: Ausgewählte Phänomene der deutschen Syntax
In diesem Seminar werden ausgewählte Phänomene der deutschen Syntax ausführlicher behandelt. Beispiele für Themen sind Kasusvergabe, unakkusativische Verben, das Passiv, der Verbalkomplex.
Seminar 4: Onomastik
Eigennamen stellen eine interessante und in jeder Hinsicht besondere Klasse der Nomina dar. Das Seminar gibt einen Überblick über alle Eigennamenklassen (mit besonderem Fokus auf den Personennamen), die theoretischen Grundlagen der Onomastik sowie Aspekte der Namenpragmatik. Von den Teilnehmern werden ein Seminarreferat und ein Familiennamengutachten erwartet.
Empfohlene Literatur: Damaris Nübling / Fabian Fahlbusch / Rita Heuser: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen 2012.
Seminar 5: Syntax und Semantik der Nominalphrase
Nominalphrasen weisen sowohl syntaktisch als auch semantisch ein großes Maß an Komplexität. In diesem Seminar werden unter anderem folgende Themen behandelt: NP-Struktur, Status von Determinierern und Pronomina, DP-vs.-NP-Debatte, Argumente vs. Modifikatoren, Lokalität, Klassifikatoren, Epitheta und Kongruenz. Es wird auf die Argumentation in der theoretischen Literatur eingegangen. Dabei werden konkurrierende Ansätze vorgestellt und auf ihre Beschreibungs- und Erklärungsadäquatheit hin überprüft. Als Einstieg in die NP-Thematik lesen Sie bitte die Abschnitte 1-3 aus Machicao y Priemer & Müller (2021).
Literatur: Machicao y Priemer, A. & S. Müller. 2021. NPs in German: Locality, theta roles, possessives, and genitive arguments. https://doi.org/10.5334/gjgl.1128
Seminar 6: Satztypen im Deutschen
Unter Satztypen versteht man in der Grammatik Unterscheidungen wie Deklarativsätze, Interrogativsätze und Imperativsätze. In manchen Ansätzen werden auch Exklamativsätze (Ausrufesätze) und Optativsätze (Wunschsätze) zu den grundlegenden Satztypen gezählt. Im Allgemeinen geht es darum, welches pragmatische Gebrauchspotential Sätze haben, d.h. welche sprachlichen Handlungen (Sprechakte/Illokutionen) mit bestimmen Formtypen vollzogen werden können. Anders formuliert geht es darum, zu erklären, wie es überhaupt dazu kommt, dass grammatische Einheiten, wie Sätze, genau die Menge von Gebräuchen haben, die sie haben. In diesem Seminar beschäftigen wir uns zunächst mit den zentralen Satztypen und diskutieren diese im Lichte unterschiedlicher Ansätze. Darüber hinaus wird es aber auch um den Satztypstatus weniger zentraler Typen gehen, wie freier Konjunktionalsätze (Ob er wohl nach Berlin zieht? / Und ob er nach Berlin zieht! / Dass er nach Berlin zieht!) und sog. assertiver Fragen (Er zieht nach Berlin?), d.h. Fragen, die formal Aussagesätzen entsprechen.
Seminar 7: Wie erfinde ich eine Sprache?
Im Seminar beschäftigen wir uns damit, wie man eine naturalistische Conlang entwickelt (Conlang = constructed language). Im Laufe der Veranstaltung wird jede*r Student*in eine eigene a priori Conlang entwerfen. Mit „a priori“ ist eine Sprachentwicklung „from scratch“ gemeint, also ohne die Conlang von einer bestehenden natürlichen Sprache abzuleiten. Prominente Beispiele für a priori Conlangs sind Dothraki (von D.J. Peterson für Game of Thrones), Quenya (von J.R.R. Tolkien für das Mittelerde-Universum), Klingonisch (von M. Okrand für Star Trek) oder Horn (von D. Bobeck für Der Greif) – Sprachen, auf die wir auch immer wieder zurückkommen werden. Daneben werden wir uns aber vor allem natürlichen Sprachen widmen. Der Kurs ist damit zugleich eine Einführung in die Sprachtypologie. Nachdem wir im Seminar uns zunächst minimal einigen phonologischen Grundlagen gewidmet haben, werden wir auf dieser Basis vor allem mit den Ebenen des Wortes und des Satzes kreativ herumexperimentieren. Eines der zentralen Lernziele des Seminars ist es, den grammatischen Horizont der Studierenden zu erweitern. Hinsichtlich des Studiums auf Lehramt soll damit auch erreicht werden, diese Sensitivität für grammatische Strukturen an Schüler*innen weitergeben zu können. In diesem Sinne sollen nicht nur die grammatischen Strukturen des Deutschen näher beleuchtet werden, sondern auch kontrastiert mit denen anderer Sprachen (natürlich wie künstlich). Auf diese Art können im Schulunterricht insbesondere Heritage-Sprachen (wie z.B. Türkisch, Arabisch, Russisch) nicht nur gewertschätzt, sondern auch aktiv in den Unterricht mit einbezogen werden.
Seminar 8: Verbale Wortformen
Der Gegenstand dieses Seminars sind die verbalen Wortformen im Deutschen. Fragen, die uns beschäftigen werden, sind unter anderem: Was sind die morphologischen Flexionskategorien der Verben im Deutschen? Was ist der Unterschied zwischen analytischen und synthetischen Formen? Was ist ein Verbalkomplex? Welche Abhängigkeiten bestehen zwischen den Verben im Verbalkomplex? Wie werden die verschiedenen Flexionsformen der analytischen und synthetischen Formen interpretiert? Anforderungen: regelmäßige, aktive Teilnahme; Kurzreferat Prüfungsform (Modulprüfung): Hausarbeit
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