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Ein oft übersehenes Kapitel in der Geschichte der Kulturwissenschaft ist der Einfluss jüdischer Tradition und Kultur, der sich in der europäischen Moderne in der Neugründung zahlreicher Disziplinen niedergeschlagen hat, die bis heute zu den prägenden Theoriebildungen kulturwissenschaftlichen Arbeitens gehören. Ob Psychoanalyse, Kulturphilosophie, Ethnologie, Anthropologie, Soziologie, Kunst- und Bildwissenschaft oder Literaturwissenschaft – jüdische Denker und Denkerinnen wie Sigmund Freud, Aby Warburg, Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Hannah Arendt, Émile Durkheim, Lévi-Strauss oder Georg Simmel zählen zu den Klassikern der Berliner Kulturwissenschaft, doch bleibt das Judentum als zentrale Dimension ihres Denkens und Wirkens meist außen vor.
Dabei verdankt sich die Spezifik der Kulturwissenschaft als „Arbeit an den Übergängen“ dieser jüdischen Perspektive als Geschichte der Grenzgänge, des Marginalen, der Details, des Verdrängten und der Mikrogeschichten. Es ist zugleich die Geschichte eines Denkens „zwischen den Stühlen“, in der Diaspora, im Exil, das sich im Modus des Erinnerns, der Nachbarschaft, des Zuhörens und der Kritik vollzieht.
Das Seminar gibt entlang einer (Re-)Lektüre ausgewählter Texte eine Einführung in die vielfältigen Begegnungen zwischen jüdischer und europäischer Kultur in der Moderne, um einen neuen Blick auf das jüdische Erbe nicht nur der „Klassiker“, sondern auch des Fachs Kulturwissenschaft vorzuschlagen.
Das Seminar findet ab dem 06.01.2026 dienstags vierstündig von 10 bis 14 Uhr statt. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, aber die Bereitschaft zur vorbereitenden Lektüre und gemeinsamen Diskussion. Zur besseren Planung der sechs Sitzungen bitte ich alle Interessierten, sich bis 12.12.2026 per E-Mail zu melden (ellen.rinner@hu-berlin.de). Vielen Dank! |