| Kommentar |
Traditionell gilt das lange 10. Jahrhundert als eine Epoche des „nicht mehr“ und des „noch nicht“. Es erscheint defizient mit Blick auf die vorausgegangenen und die kommenden Jahrzehnte – und zwar überraschenderweise in unterschiedlichen nationalen Forschungstraditionen und in diversen geschichtswissenschaftlichen Perspektiven gleichermaßen. „Noch nicht“ scholastisch, „nicht mehr“ karolingisch, „noch kein“ Lehnswesen, „noch keine Kommunen“ … die Liste ließe sich problemlos erweitern. Der Eindruck eines defizienten Zeitraums entsteht, weil die Jahre von ca. 880 bis ca. 1050 häufig eingebettet in lange Zeiträume erzählt und an späteren Entwicklungen gemessen werden. Doch erscheint es nicht recht plausibel, ein Jahrhundert als statisch zu charakterisieren, während danach plötzlich das Neue aus dem Nichts erscheint. Die zeitlich langegestreckte Perspektive verdeckt zudem zeitgenössische Herausforderungen und Chancen, auf die im 10. Jahrhundert originelle Antworten gefunden wurden.
Vor dem Hintergrund aktueller Forschungsdiskussionen erproben wir im Seminar neuere Konzeptbegriffe, um das schillernde lange 10. Jahrhundert aus wirtschafts-, sozial-, und wissensgeschichtlicher Sicht als Epoche eigenen Rechts auf neue Weise zu charakterisieren. |