Thukydides gilt allgemein als der Grundleger der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung. Weniger bekannt ist, dass er in seiner Methode, seinem Verständnis von Kausalität und seiner Auffassung des Nutzens der Geschichtsschreibung für das Vorhersehen künftiger Entwicklungen weitgehend auf die medizinischen Texte zurückgeht, die aus der Schule des großen Arztes Hippokrates von Kos stammen. Dies tritt am stärksten in seiner dramatischen und ergreifenden Beschreibung der Pest von Athen hervor, aber auch im berühmten Methodenkapitel und an den Stellen, wo er wie ein Arzt die menschliche Natur auf ihre eigenartigen Schwächen hin diagnostiziert. In diesem Kurs lesen wir diese Kapitel aus dem thukydideischen Text in Zusammenhang mit ausgewählten Passagen aus den Hippokratischen ‚Epidemien‘, der Schrift über die Umwelt und dem Prognostikon im Original und/oder in Übersetzung (abhängig von der Teilnehmerschaft).
Literaturauswahl: G. Rechenauer, Thukydides und die hippokratische Medizin. Naturwissenschaftliche Methodik als Modell für Geschichtsdeutung, Hildesheim 1991; K. Weidauer, Thukydides und die Hippokratischen Schriften: der Einfluss der Medizin auf Zielsetzung und Darstellungsweise des Geschichtwerks, Heidelberg 1954; G.E.R. Lloyd, In the Grip of Disease. Studies in the Greek Imagination, Oxford 2003.
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