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Die bulgarisch-französische Psychoanalytikerin, Semiotikerin, Poststrukturalistin, Feministin, Schriftstellerin und Literaturtheoretikerin Julia Kristeva (*1941) setzt sich in ihrem Schaffen konsequent über Disziplinengrenzen hinweg und ist genau deshalb so wertvoll für unser gegenwärtiges (akademisches) Denken. Denn zunehmend scheint es darum zu gehen, die Zonen der Überlagerung, des Zwischen, der Übersetzung und Transformation navigieren zu lernen, um sich in dieser Welt und diesem Kosmos noch irgendwie zurecht zu finden. Gleichzeitig bleiben alte Themen, die die Menschen schon Jahrtausende begleiten, als Unbegreiflichkeiten bestehen: Liebe, Sinn, Religion, Tod. Der Sprache kommt dabei eine tragende Rolle zu, da sie sowohl die Begrenzung des Denkens zeigt, als auch eine der wenigen wirklichen Möglichkeiten ist, zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit zu vermitteln, also Sinn zu stiften, das Verstehen zu erweitern, indem sie fiktionale und andere Möglichkeitsräume eröffnet.
In diesem Masterseminar werden wir daher mit Julia Kristeva Räume des Sprachlichen erkunden. Hierzu gehört eine Beschäftigung mit ihren Grundbegriffen der Psychoanalyse (Semiotisches, Symbolisches, Abjektion, Subjetkonstitution, Projektion, Narzissmus, etc.), mit zentralen literaturtheoretischen Konzepten Kristevas (sie hat den Begriff der Intertextualität und der Polyphonie wesentlich geprägt sowie eine Theorie der poetischen Sprache entworfen), aber auch mit exemplarischen literaturkritischen (z.B. zu Marcel Prousts Recherche) sowie literarischen Texten (z.B. ihr Roman über die Mystikerin Teresa von Avila). All unsere Seminarlektüren werden dabei durchzogen von zwei Perspektiven, die für das Verständnis von Kristevas Schreiben in ihrer Wichtigkeit kaum zu unterschätzen sind: Feminismus und Spiritualität.
Während Julia Kristeva als polarisierende französische Differenzfeministin bekannt ist, die einerseits die feministische Theoriebildung maßgeblich prägte, und andererseits sich selbst immer wieder vom Feminismus distanzierte, werden ihre zahlreichen Auseinandersetzungen mit abendländischen Mystiker*innen, ihre Gedanken zur Notwendigkeit des Glaubens und der literarischen Fiktion weitaus weniger beachtet. Erst in dieser Zusammenschau aber, so die zu untersuchende Leitidee unseres Seminars, lassen sich ihre psychoanalytischen, gendertheoretischen und literaturwissenschaftliche Theoreme wirklich in der gesamten kulturwissenschaftlichen Tragweite nachvollziehen.
Ziel des Seminars ist es – durch die Erarbeitung der eben beschriebenen Dimensionen des Sprachlichen in Kristevas Werk –, insbesondere für Studierende der Literaturwissenschaften /Romanistik und der Gender Studies zentrale geisteswissenschaftliche Denkwerkzeuge bereitzustellen, die für das Arbeiten an und mit Texten hilfreich sind: Praktiken der Segmentierung von Texten, Verfahren des close reading, Erarbeitung und Erprobung von zentralen Theoriebegriffen, Thesenbildung und Argumentation, vernetztes und situiertes Denken.
Blocksitzungen:
- Freitag, 17.4.26: 12-14 Uhr: Kennenlernen, Organisation (Zoom) - Freitag, 8.5.26: 10-14 Uhr: Person, Kontext, Werk, wichtige Begriffe (Zoom) - Freitag, 19.6.26: 10-18 Uhr, Block 1 (Uni Potsam) - Freitag, 10.7.26: 10-18 Uhr, Block 2 (HU Berlin)
Neben den Blocksitzungen ist eine Veranstaltung mit dem Museum Barberini in Potsdam geplant. |