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Unter den Heiligen der katholischen Kirche sticht Teresa von Ávila (1515-1582) hervor: Sie war nicht nur eine der ersten Frauen, die den Titel der Kirchenlehrerin erhielt und die wichtigste spanische Mystikerin überhaupt, sondern sie ist ebenso eine der bedeutendsten Schriftsteller*innen des Siglo de oro. Ihre Popularität erstreckt sich weit über den geistlichen Kontext hinaus und hält bis in unsere Gegenwart an: In Comics wurde ihr Leben dargestellt, in Anthologien werden Ausschnitte ihres Werkes zur besinnlichen Lektüre angeboten, bis heute wird ihre Sprache als maßgebliche Referenz für eine besondere Mündlichkeit im Spanischen zitiert, zahlreiche Künstler*innen zeigen die Karmelitin, wie sie betet, schreibt oder ekstatisch verzückt erscheint, 2025 erschien die bislang aktuellste der mittlerweile zahlreichen Verfilmungen ihres Lebens. Diese breite Resonanz verdankt sich zu einem entscheidenden Teil der Autorin Teresa. In ihrem Werk kommen in einem für seine Zeit einzigartigen Stil subtilste Selbstbeobachtungen und tiefe mystische Erfahrungen ebenso zur Sprache wie der Umgang mit lebenslangen schwerwiegenden Gesundheitsproblemen und witzige, lakonisch formulierte Vorbehalte gegen eine allzu eifrige Frömmigkeit oder gegen eine die Wirkräume von Frauen beschneidende Männlichkeit.
In diesem B.A.-Seminar werden wir exemplarische Gedichte und Gebete Teresas analysieren und uns ausführlich zwei ihrer Hauptwerke, der autobiographischen Schrift Libro de la vida (Buch meines Lebens) sowie Las moradas o El castillo interior (Wohnungen der inneren Burg) widmen – einzigartige literarische Darstellungen der Räume der Seele, welche man als Leser*in durchschreitet und die nicht zuletzt durch erotisch-allegorische Bilder unstillbarer seelisch-sinnlicher Sehnsucht geprägt sind.
Ziel des Seminars soll es sein, vor dem Hintergrund der Frage nach Möglichkeiten weiblicher Autorschaft in der Frühen Neuzeit die zentrale Rolle ausgewählter Texte Teresas für die Literatur des spanischen Goldenen Zeitalters herauszustellen und sie literaturwissenschaftlich zu verorten. Dabei wird es nicht zuletzt darum gehen, das Basiswissen der Lyrikanalyse zu vertiefen sowie mit Blick auf die ingeniöse Komposition der Texte deren rhetorische Verfasstheit zu untersuchen. Im letzten Drittel des Seminars soll Raum sein für die vielgestaltigen feministischen, aktivistischen, künstlerischen, aber auch neurowissenschaftlichen und psychiatrischen Rezeptionen von Teresas Werk und Person (darunter z.B. die Performancekunst von Marina Abramovič, das Theaterstück La lengua en pedazos, der Film Teresa. A Life between Light and Shadows).
Mögliche Themen sind: Körper und Seele als Erfahrungsräume, Seelenkonzepte und Liebeskonzepte des Siglo de Oro, Mystik und Gender, Mystik und Literaturwissenschaft, autobiographisches Schreiben, weibliche Autorschaft, Vulnerabilität, Ekstase, Meditation. |