| Kommentar |
Das Seminar rückt die gegenwärtige Herausforderung demokratischer Gesellschaften in den Mittelpunkt, verstanden als Symptom tiefgreifender ökonomischer, politischer und kultureller Transformationen. Ausgehend von zeitdiagnostischen Ansätzen, die autoritäre Mobilisierung, globale Ungleichheiten, digitale Ökonomien und postindustrielle Prekarisierung zusammendenken, betrachten wir spezifische historische Wiederkehren solcher Krisen seit der Frühmoderne bis in die gegenwärtige Phase politischer Fragmentierung. Texte u. a. von Saidiya Hartman, Stuart Hall, Judith Butler, Paul Gilroy und Achille Mbembe dienen als theoretische Linse, um Affekte der Angst, des Verlusts und der Überforderung ebenso zu verstehen wie Backlash-Dynamiken, die sich nicht nur in rassifizierenden Diskursen, sondern auch in der aggressiven Markierung und Kontrolle von Geschlecht, Gender-Nonkonformität und queeren Lebensweisen verdichten.
Zugleich reflektiert das Seminar Gegenwartsdiagnosen, die auf vermeintlich neutrale oder entpolitisierte Steuerungs- und Konfliktlösungslogiken setzen, und fragt, inwiefern solche spätmodernen Instrumente an ihre Grenzen geraten, wenn Machtverhältnisse, ökonomische Interessen, geschlechtliche Normierung und soziale Prekarität systematisch ausgeblendet werden. So entsteht ein Verständnis demokratischer Ordnungen als konflikthafte, verletzliche und historisch wiederkehrend gefährdete Konstellationen, deren Stabilisierung weder durch moralische Appelle noch durch technokratische Moderation gewährleistet ist.
Im Zentrum steht die Frage, welche diskursiven, politischen und gesellschaftlichen Imaginationen in Zeiten globaler Transformation neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen — und wie demokratische Beziehungen unter Bedingungen von Backlash, ökonomischer Unsicherheit und prekarisierten Öffentlichkeiten neu ausgehandelt werden können. |