| Kommentar |
Am 16. Januar 1920 proklamierte der französische Musikkritiker Henri Collet die Existenz einer Gruppe von fünf Komponisten und einer Komponistin: In bewusster Anspielung an die auch als „mächtiges Häuflein“ bekannte russische „Gruppe der Fünf“ wurden die sechs schnell als Les Six bekannt: Georges Auric (1899-1983), Louis Durey (1888-1979), Arthur Honegger (1892-1955), Darius Milhaud (1892-1974), Francis Poulenc (1899-1963) und Germaine Tailleferre (1892-1983).
Tatsächlich waren die Genannten befreundet, hatten mit Erik Satie denselben Mentor und mit dem Schriftsteller Jean Cocteau sogar eine Art Manager. Nicht nur, aber auch in der gemeinsamen Zeitschrift Le Coq wurden Ideen ausgetauscht und eine Selbstverständigung über das ästhetische Programm angestrebt: So schrieb Auric, man müsse gegen das „wagnerianische Debakel“ und die „debussystischen Ruinen“ angehen. Stattdessen proklamierten die Six offensiv einen Eklektizismus, der von vielfältigen ästhetischen Strömungen der Zeit wie Expressionismus, Neoklassizismus, Dada und Jazz beeinflusst war, aber mit romantischen und impressionistischen Vorstellungen brechen wollte. Kompilationen und kollaborative Kompositionen, darunter L’Album des Six und das Ballett Les Mariés de la Tour Eiffel legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Vor allem aber legten die sechs als einzelne Komponisten und Komponistin Werke vor, mit denen sich die Beschäftigung lohnt.
Neben biografischen und werkanalytischen Ansätzen, die das breite Repertoire aus dem Kreis der Groupe des Six, das von Kammer- über Bühnen- bis hin zur Filmmusik reicht, behandeln, sollen daher im Seminar auch systematische Fragen nach Epochen- und Gruppenbildung in der Musikgeschichtsschreibung gestellt werden. Nicht nur das Verhältnis zu den Impressionisten Debussy und Ravel ist hierfür ein interessanter Ansatzpunkt, sondern gleichfalls jenes zum Mentor Satie, zu Strawinksy, zu anderen Zeitgenossen wie Marcel Dupré, aber auch zu den nachfolgenden Komponistengenerationen um Messiaen, Schaeffer und Boulez.
Schließlich lässt sich auch anhand der Groupe des Six Musikgeschichte als Gesellschaftsgeschichte betreiben. Dies erlaubt eine politik- und kulturgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Wirken dieser Komponistengeneration unter dem Einfluss der deutschen Besatzung Frankreichs – nicht wenige der genannten standen der Résistance nahe oder leisteten gar direkten Widerstand, manche waren zudem Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. Auch die Rolle Tailleferres als einzige Frau der Six verdient eine genauere, feministisch informierte Betrachtung ihres Werks und ihrer Rezeption.
„Groupés sans le prévoir, baptisés sans le savoir“ (unbeabsichtigt gruppiert, unwissentlich getauft), so beschreibt die Musikwissenschaftlerin Eveline Hurard-Viltard das Entstehen der Groupe des Six. Jean Roy fragte sogar, ob die Groupe des Six tatsächlich existiert habe. Auch Darius Milhaud äußerte, die Entstehung der Gruppe sei lediglich dem Zufall der Kritik geschuldet. Schon die Frage, ob und wann die Gruppe existiert habe, ist keineswegs leicht zu beantworten. Entsprechend oszilliert der musikhistoriografische Diskurs zur Groupe des Six oszilliert bereits seit ihrer Ausrufung zwischen zwei Polen: Während die eine Seite sie lediglich als losen freundschaftlichen Zusammenschluss bezeichnet, der durch vom Kritiker Collet eher zufällig als Gruppe proklamiert wurde, tatsächlich aber über keinerlei Kohäsion und geteiltes ästhetisches Konzept verfüge, insistiert die andere trotz aller Individualitäten und Differenzen auf den Gemeinsamkeiten zwischen ihren Mitgliedern, die in der Suche nach einer zeitgemäßen Ästhetik durchaus in der Gruppe agierten. |
| Literatur |
Ursula Anders-Malvetti, Ästhetik und Kompositionsweise der Gruppe der Six. Studien zu ihrer Kammermusik aus den Jahren 1917–1921, Echternach 1998
Brigitta Duhme-Hildebrand, Die französische Musikerin Germaine Tailleferre (1892–1983). Leben und Werk unter dem Aspekt des Vergnügens an der Musik, Köln 1991
Harry Halbreich, Arthur Honegger, Portland 1999 [1992]
Arthur Honegger, Beruf und Handwerk des Komponisten. Illusionslose Gespräche, Kritiken, Aufsätze, Leipzig 1980
Franziska Kollinger, Von der Bühne zum Film. George Aurics Musik der 1930er Jahre, Stuttgart 2019 (Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft 82)
Deborah Mawer, Darius Milhaud. Modality & Structure in Music of the 1920s, Aldershot 1997
Darius Milhaud, Noten ohne Musik. Eine Autobiographie, München 1962
Roger Nichols, Poulenc. A Biography, New Haven/London 2020
Nancy Perloff, Art and the Everyday. Popular Entertainment and the Circle of Erik Satie, Oxford 1991
Colin Roust, Georges Auric. A Life in Music and Politics, Oxford 2020
Robert Shapiro (Hrsg.), Les Six. The French Composers and Their Mentors Jean Cocteau and Erik Satie, London/Chicago 2011 |