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Der Topos Verletzung, Entstellung, Verunstaltung oder Auslöschung des Gesichts, sei dies unfall- oder krankheitsbedingt (z.B. Noma) oder das Ergebnis gewaltsamen Einwirkens durch Waffen im Kriegszustand oder im zivilen Leben bzw. ein Effekt kolonialer Gewalt, reicht weit zurück in die Medizin-, Kultur-, Wissens- und Politikgeschichte (P. von Matt). Das Gesicht, Antlitz, Konterfei oder die Visage ist nicht nur der Ort, an dem sich ein Großteil der sinnlichen Wahrnehmung abspielt. Er gilt darüber hinaus als größtmögliche bedeutungstragende Fläche mit hohem Symbolwert (B. Balázs). In ihm kondensieren sich Diskurse um Identität und Unverwechselbarkeit, um Machtasymmetrien, Diskriminierung, Marginalisierung, Entmenschlichung und soziales Standing, aber auch um Selbsttechnologien und ästhetische Selbstgestaltung.
Während pathogene Gesichtsverletzungen in einem frühen Segment der Geschichtsschreibung als Strafe Gottes, teuflisches Gezeichnetsein, Ungleichgewicht der Körpersäfte (z.B. Lepra, Syphilis, das moribunde Gesicht; Humoralpathologie) oder Zeichen für Hexerei (Hexenmale) interpretiert wurden, avancierten sie mit Erstarken moderner medizinischer Erklärungsmuster zu einem ernstzunehmenden Reparations- und Optimierungsprojekt, das zunehmend auch interdisziplinär in den Blick geriet. Im Sujet des versehrten Gesichts verbinden sich Perspektiven der Chirurgie, Prothetik, Schönheits-O.P. und Kosmetik sowie der Physiognomik, Kriminalistik und Rassismusforschung (Hautfarbetopos) mit Feldern wie Risiko- und Sicherheitsdiskurse, Bestattungszeremonien (Totenmasken, Totenphotographie, van Hagens „Körperwelten“) und politische Ideologien. Die Frage der Imperfektion und des Derangierens des Gesichts berührt Vorstellungen von Normativität und Idealität der öffentlichen Persona und des privaten Individuums sowie des Portraits „als Spiegelfläche für Innenschau und Selbstdisziplinierung“ (J. Barck, P. Löffler/L. Scholz). Dabei ist ausschlaggebend, ob die Gesichtsverletzung durch gewaltsame Fremdeinwirkung (z.B. häusliche Gewalt, in your face) oder Versuche der Fremd- oder Selbstauslöschung herbeigeführt wurde (u.a. effacement of Blackness reread as an identity, D. Marriott). Zudem ist entscheidend, ob die Gesichtsverwundung in einem positiven Sinne und selbstgewählt, wie bei der Narbenbildung als Gesichtsschmuck im Rahmen von Initiationsriten (Nuba von Kau; Schmiss beim studentischen Fechtduell/Mensurwunde), beim Körperschmuck (Piercing, Tattoo) oder bei künstlerischen Gesichtsoperationen (Orlans karnevaleske Gesichtsmetamorphosen) oder aber zur Depotenzierung und Abwertung des Gegenübers erfolgt. Außerdem ist der zeitliche Referenzrahmen prägend. So ist zurzeit das einmalige, authentische, nicht-reproduzierbare oder -kopierbare Gesicht als Ort von Ich-Identität zunehmend in Auflösung begriffen (S. Köthe und B. Absalon) – z.B. durch das Einwirken von KI, Filtern (funny or cazy faces) und Mensch-Maschine-Interfaces (vgl. militärische Figur des super soldier/deep brain stimulation, homo cyborgus; L. Kamienski).
Das Projektseminar fragt nach den zahlreichen Bedeutungsebenen des verletzten Gesichts und deren kulturhistorischen, wissenschaftlichen, symbolischen und technologischen Referenzlinien. Hierbei werden verschiedene Zeitebenen der Rezeption abgelaufen.
Im Ersten Weltkrieg wurden Gesichtsverletzungen, neben den „Kriegszitterern“, zur signature injury dieses ersten Vernichtungskriegs, in dem waffentechnische Tötungsmacht in industrieller Manier und en masse eingesetzt wurde. Neue Waffeninstrumentarien schufen neue Verletzungsarten des Gesichts und neue Herausforderungen für die Kriegschirurgie, was noch in der Zwischenkriegszeit als weitausgreifendes Versagen von Männlichkeit/Maskulinität („Krüppelfürsorge“) angesehen wurde und sich tief ins kulturelle Gedächtnis und Imaginäre einprägte (u.a. E. Friedrichs Krieg dem Kriege! 1924; M. Sokołowska-Paryż). Dies führte zu einem Konflikt zwischen idealisiertem Heldentum und der entstellten, an die Grauen des Schlachtfelds erinnernden Realität der Veteranen, der von starken Affekten und Emotionalitäten begleitet wurde.
Während die Medizin in Form plastischer Chirurgie und Prothetik bemüht war, das ‚deutsche männliche Antlitz‘ so gut es ging zu ‚kitten‘ (K. Harrasser), reagierten Kunst-, Kultur- und Filmschaffende sowie Literat*innen der Weimarer Republik auf diesen kollektiven Einbruch der Gesichtswürde auf kreativ-empfindliche Weise (vgl. Otto Dix, Surrealismus, davor: Kubismus). Die kulturellen Artefakte griffen das Oszillieren zwischen Faszination und Schrecken, Anziehung und Abneigung, Empathie und Stigmatisierung, Inklusions- und Exklusionsbegehren gegenüber den Betroffenen facettenreich auf. Sie brachten es in die öffentliche Wahrnehmung und beförderten eine produktive Verhandlung der fazial-viszeralen Problematik, auch im Hinblick auf die Wiedereingliederungsfrage der Kriegsversehrten.
Vermehrt gab es die Tendenz, dem individuellen menschlichen Gesicht zugewiesene Eigenschaften aufs Kollektiv zu übertragen, dem ebenfalls ein ‚Gesicht‘ zuerkannt wurde (S. Kracauers Ornament der Masse). Dem Nationalsozialismus entsprangen utopisch-idealisierende Vorstellungen eines ‚Neuen Menschen‘, deren Gegenstück Menschen waren, die in rassenideologischer Perspektive als ‚das Andere‘ markiert wurden, was sich auch in Gesichtsdiffamierungen äußerte. Im Zweiten Weltkrieg und am Ende des Pazifikkriegs – als Folge des Abwurfs der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki – war das medizinische und kulturelle Thema Gesichtsverletzung überaus präsent.
Die multiplen Bedeutungen und Funktionen des Gesichts – seine Versprechungen, aber auch Versehrtheiten und Vulnerabilitäten – wurden in der Philosophiegeschichte rege erkundet (u.a. R. Barthes, G. Boehm, G. Deleuze/F. Guattari, M. Foucault, R. Kassner, E. Levinas, J.-L. Nancy). Zudem wurde es in den 1980er und 1990er Jahren zu einem Lieblingsthema der Kulturwissenschaft (C. Benthien, M. Hagner, B. Hüppauf, D. Kamper, T. Landau, Th. Macho, G. Mattenklott, G. Schmidt, C. Schmölders, Chr. Wulf).
Inwiefern spielt die Destruktion des Gesichts eine Rolle in heutigen Kriegen, Konflikten und Massakern, bei denen sich Momente der hyper-violence und des Übertötens ereignen, wie am 7. Oktober 2023 oder im Gazakrieg sowie im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Außerdem lässt sich fragen: Wie stehen frühere Vorstellungen eines ‚idealen Menschen‘ zu aktuellen Ideen eines Transhumanismus und technologischen Visionen von Neuro-Implantaten, combat enhancement und Cyborgisierung?
Ein Gesichtsverlust – die Urangst vorm Verschwinden als Kehrseite des Wahrens des Gesichts – ist gepaart mit gesellschaftlicher Scham und Schuld(gefühlen) (Erröten, Blick senken, sozialer Tod, defacement/bekanntes öffentliches Geheimnis, M. Taussig). Er markiert das Verlieren des Ansehens sowie Ablehnung und Zurückweisung durch ein Gegenüber auf individueller oder soziopolitischer Beziehungsebene. Welche Konsequenzen zeitigt ein erlebter Gesichtsverlust im Kontext interkultureller Konflikte (R. Fu-sheng Franke)? Und: Warum fällt es Regierungen/Staaten so schwer, sich für folgenschwere politische Fehler, für koloniale Gewalt, Menschenrechtsverletzungen, Invasionskriege, etc. zu entschuldigen? Liegt dies primär an gefürchteten Entschädigungszahlungen, möglichen Imageeinbußen oder am angstbesetzten Gesichtsverlust – landesintern und auf internationaler Ebene? Mittels welcher Strategien der Aufarbeitung und des Sichtbarmachens, der Kritik und Prävention kann der – auch am Gesicht verübten und in ihm sichtbaren – Gewaltkontinuität entgegengewirkt werden?
Im Seminar werden, neben akademischen Texten, Prosa und Romanen (The Picture of Dorian Gray/1890), multimediale Quellen wie Spiel- und Dokumentarfilme (u.a. Les Yeux Sans Visage/1960, Onibaba/1964, Der Elefantenmensch/1980, Fire Walk With Me/1992, Martyrs/2008) besprochen.
*** Zum Abschluss wird als Studienprojekt ein Workshop zusammen mit den Semiarteilnehmenden veranstaltet, bei dem sie verschiedene Rollen übernehmen (Chairfunktion, Vortragende, Tagungsberichtschreibende).
** Die LV wird begleitet von der Kulturwissenschaftlerin und Künstlerin M.A. Stella Cristofolini. |