Das urbane Frankreich erlebt um 1850 eine regelrechte Epidemie der Jenseitskommunikation. Der spiritualism, 1848 in den Vereinigten Staaten entstanden, greift ab 1853 auf Europa über und wird besonders im französischen Zweiten Kaiserreich zum Modephänomen. Eine ganze Generation oft weiblicher Angehöriger des Kleinbürgertums und des Arbeitermilieus nimmt an ›Séancen‹ teil oder macht sich selbst zum ›Medium‹ für telepathisch empfangene Stimmen aus dem Jenseits, die Raschläge erteilen, Trost spenden und Sicherheit versprechen, und selbst prominente Persönlichkeiten wie Victor Hugo üben sich im ›Tischrücken‹. Den französischen Begriff des ›Spiritismus‹ und die dazugehörige philosophische Lehre prägt 1857 der Gelehrte Léon Rivail, genannt Allan Kardec, dessen Livre des Esprits zur ›Bibel‹ der Bewegung avanciert. Psychiater und Psychologen deuten Visionen und Phänomene der Mediumnität als Hysteriesymptome oder als Resultate einer Persönlichkeitsspaltung, während Parapsychologen oder ›Metapsychologen‹ versuchen, die Realität dieser Phänomene wissenschaftlich nachzuweisen. In verschiedenen Wellen und in diversen Ausprägungen hält sich die Bewegung in Frankreich bis zum Ende des Ersten Weltkriegs.
Vor diesem Hintergrund verfolgt das Seminar das Wechselverhältnis zwischen Literatur und Spiritismus von den Anfängen der Bewegung um die Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit der historischen Avantgarden. Gegenstand ist dabei nicht nur die Darstellung und Verhandlung von Geistererscheinungen, spiritistischen Praktiken und Glaubensinhalten in der fantastischen Literatur (Honoré de Balzac, Théophile Gautier, Guy de Maupassant) und im Fin de Siècle (Joris-Karl Huysmans), sondern auch die Frage, inwiefern der Spiritismus selbst als literarische Bewegung verstanden werden kann, die eigene Textgattungen hervorbringt. Ebenso verfolgen wir, wie spiritistische Schreibtechniken in säkularisierter Form auf die Literaturproduktion zurückwirken (André Breton & Philippe Soupault) und unter welchen Vorzeichen Geistermitteilungen als künstlerisch-literarische Werke rezipiert werden (Jeanne Tripier).
Da nicht alle Lektüren in deutscher Übersetzung vorliegen, werden für die Teilnahme am Seminar gute Französischkenntnisse vorausgesetzt.
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