Jacques Derrida (1930-2004) ist vor allem als französischer Philosoph und Begründer der Dekonstruktion bekannt, Hélène Cixous (*1937) als französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin. Neben ihrer einzigartigen intellektuellen Freundschaft verbinden die beiden auch ihre gemeinsamen jüdischen Wurzeln sowie – trotz Kolonialität und Krieg – eine innige und ambivalente Beziehung zu ihrem Geburtsland Algerien, für die Cixous‘ die Bezeichnung „Algériance“ geprägt hat. Im Mittelpunkt des Seminars stehen Fragen nach Zugehörigkeit, Muttersprache(n), Identität (bzw. dem Widerstand gegen eine festgeschriebene Identität) sowie die komplexen Wechselwirkungen zwischen (post-)kolonialer Erfahrung, jüdischem Familiengedächtnis und philosophischer Theoriebildung. Dazu werden zunächst autofiktionale Texte wie Derridas Circonfession und Cixous‘ Rêveries d’une femme sauvage gemeinsam analysiert, um die Poetik dieser sehr persönlichen literarischen Schriften in einem nächsten Schritt mit der Theorie der Dekonstruktion und der différance (Derrida) sowie der écriture féminine (Cixous) in Verbindung zu bringen. Ziel des Seminars ist es, zentrale philosophische und sprachtheoretische Konzepte der French Theory vor dem Hintergrund der traumatisierenden jüdisch-maghrebinischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu betrachten.
Optimale Voraussetzungen für die Teilnahme sind Freude am abstrakten Denken, sehr gute Lesekenntnisse im Französischen (es gibt zwar fast alle Texte auch in Übersetzungen, aber die eigentümlichen Sprachspiele funktionieren nur in der Originalsprache), Interesse an poststrukturalistischer Philosophie, Kolonialismus- und Antisemitismuskritik und jüdischer Geschichte.
Zur Einführung in die kulturgeschichtlichen Hintergründe sowie in Leben und Wirken Derridas und Cixous‘ unter besonderer Berücksichtigung der algerischen Erfahrung empfehle ich Onur Endur: Schule des Südens. Die kolonialen Wurzeln der französischen Theorie, Berlin 2024 (Kap. 5: „Unbehagen an der Identität: Jacques Derrida“ und Kap. 6 „Höllisches Paradies: Hélène Cixous“).
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