Die Dreyfus-Affäre gilt als einschneidendes Ereignis für die politische und gesellschaftliche Entwicklung der Dritten Französischen Republik. Die zu Unrecht erfolgte Verurteilung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus im Winter 1894 führte zu einer starken Polarisierung der französischen Öffentlichkeit, in der sich dreyfusards und anti-dreyfusards gegenüberstanden. Die Errungenschaften der bürgerlichen Emanzipation der jüdischen Bevölkerung seit der Französischen Revolution werden durch international vernetzte antisemitische Strömungen infrage gestellt, die antijüdische Motive in unterschiedlichen Medien fortschreiben und Dreyfus’ vermeintlichen Landesverrat in zirkulierende Verschwörungsnarrative einschreiben.
Der Einfluss der Dreyfus-Affäre auf das literarische Feld zeigt sich nicht nur in den zeitgenössischen Stellungnahmen bekannter Autor:innen, sondern manifestiert sich zugleich – als langfristiger Effekt – in einer Vielzahl von Texten, die seither das Verhältnis zwischen Literatur und nationaler bzw. religiöser ‚Identität‘ verhandeln. Die Grenze zwischen philo- und antisemitischen Diskursen ist dabei oft fließend und historisch variabel, d.h. kontextabhängig. Im Seminar werden einige dieser Texte wie beispielsweise Silbermann (1922) von Jacques de Lacretelle, David Golder (1929) von Irène Némirovsky oder La Place de l’Étoile (1968) von Patrick Modiano gemeinsam gelesen, in ihren Entstehungskontext eingeordnet und ihre Rezeptionsgeschichte nachgezeichnet. Ziel ist eine kritische Untersuchung der Produktion und Fortschreibung antisemitischer Stereotype und Narrative in der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts.
Zur Vorbereitung und Einführung: Peter Ullrich, Sina Arnold, Anna Danilina, Klaus Holz, Uffa Jensen, Ingolf Seidel, Jan Weyand (Hgg.): Was ist Antisemitismus? Begriffe und Definitionen von Judenfeindschaft, Göttingen: Wallstein 2024.
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