Die romanisch-sprachigen Literaturen Afrikas haben historisch den Kolonialismus zur Voraussetzung, der Sprache, Kultur und Gemeinwesen der Kolonisierten in der Regel mehr oder weniger gewaltsam überlagerte und neu konfigurierte. Diese Geschichte bestimmt auf die ein oder andere Weise auch die postkolonialen Literaturen der Gegenwart, und zwar neben den vielleicht besonders prominenten anglo-afrikanischen auch die franko- und luso-afrikanischen sowie die (weniger stark vertretenen) hispano- und italo-afrikanischen. Anders als die so genannten ‚afropäischen‘ Literaturen – also Texte afrodeszendenter Autorinnen und Autoren, die oft, wenn auch natürlich nicht ausschließlich, die Lebensbedingungen ihrerseits afrodeszendenter Personen in Europa beschreiben und problematisieren – finden die (wenn man so will) ‚eurafrikanischen‘ oder ‚lateinafrikanischen‘ Literaturen in der deutschen Romanistik heute eher wenig Beachtung – obwohl es sich hier um Literatursysteme eigenen Rechts (mit ihrem eigenen Kanon, einer eigenen Theoriebildung und Geschichte) handelt, deren Autorinnen und Autoren nicht selten auch ‚weltliterarisch‘ von Relevanz sind (man denke etwa an den Mosambikaner Mia Couto oder an den Angolaner Eduardo Agualusa). Dabei sind diese Literaturen ihrerseits natürlich mit anderen Weltregionen verschränkt und greifen insbesondere in die ehemaligen europäischen Metropolen (etwa Portugal), aber auch, über den ‚schwarzen Atlantik‘ hinweg, nach Amerika (etwa Brasilien oder Kuba) aus.
Um eben diese, und zwar genauerhin die lusophonen Literaturen Afrikas soll es in unserem Seminar gehen, wobei wir uns aus Gründen der Machbarkeit auf die (seit 1975 entstandenen) postkolonialen Erzählliteraturen Angolas und Mosambiks konzentrieren (und also die Literaturen der Kapverden, Guinea-Bissaus und Sao Tomé e Príncipes weitgehend außen vorlassen) werden. Wir wollen dabei das Augenmerk insbesondere auf die mehr oder weniger von Gewalt geprägte „Geschichte der Gegenwart“ (Foucault) legen und der Frage nachgehen, was die ausgewählten Texte über die ‚Lebensformen‘ in der Postkolonie (Mbembe) wissen – und wie sie dieses Wissen in eine Dialektik von Erinnern und Vergessen einbeziehen. Um dem diskursiven Stellenwert der Texte gerecht werden zu können, werden wir dabei – und zwar ausgehend von der Exposicão do mundo portugues (1940) – auch den historischen Kontext aufrufen, in den diese Texte eingelassen sind bzw. auf den sie sich in der ein oder anderen Weise beziehen. Wir lesen die Romane in Auszügen und teilweise ganz – und zwar wo möglich jeweils im Original und in (deutscher) Übersetzung. Zur Vorbereitung lesen Sie bitte (im Original oder in Übersetzung) den Roman von José Eduardo Agualusa (Teoria Geral do Esquecimento) ODER den Roman von Mia Couto (O Mapeador de Ausências), sowie je nach Zeit und Laune: K. Suárez, El hijo de héroe – L. Jorge, A Costa dos Murmurios – D.M. Cardoso, O Retorno – I. Figueiredo, Caderno de Memórias Coloniais. Wer mir im Vorfeld ihre oder seine Teilnahme bestätigt (urs.urban@hu-berlin.de), erhält so bald wie möglich Zugang zum Material auf Moodle.
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