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BA-Seminar Israel/Palästina. Dokumentarfilmkulturen und Friedensaktivitäten
Das Seminar fokussiert auf die gemeinsam geteilte Verletzungs- und (Psycho-)Traumageschichte des israelisch-jüdischen Kollektivs und der palästinensisch-arabischen Gemeinschaft. Diese begann lange vor der Staatsgründung Israels 1948, hat beim Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 sowie dem nachfolgenden Gazakrieg einen gewaltsamen Tiefpunkt erreicht und für beide Seiten immenses menschliches Leid erbracht. In den letzten Jahrzehnten haben Dokumentar- und Spielfilmschaffende die Verflechtung der beiden Kollektive und deren Positionen aufgegriffen und aus einer (selbst-)kritischen Doppelperspektive gespiegelt, von The Voice of Peace: Der Traum des Abie Nathan (2014) bis zu Breaking the Silence. Video Testimonies (2017ff.). Zu diesen Filmemachenden gehören u.a. L. Atzmor, M. Abramson, R. Alexandrowicz, P. Bellaïche, M. and Z. Benazzo, E. Burnat, R. Al Damen, A. Al-Ghoul, Guy Davidi, A. Faingulernt, E. Friedler, R.L. Jones, Y. Shamir, U. Tabari, D. Wachsmann, T. Yarom. Sie reflektieren über die historische und rezente Erfahrung, dass es kein Indiz dafür gibt, gewaltsame Methoden könnten zu einer konstruktiven Konfliktlösung und einer dringend notwendigen Annäherung der beiden Kollektive beitragen.
Das Seminar setzt bei einem offenen Sprechen über die Geschichte und Aktualität des Israel-Palästina-Konflikts auf Basis mitunter unterschiedlicher Wissensstände bei den Teilnehmenden an. Die Effekte einer kontextabhängig unterschiedlichen Nachrichtenberichterstattung und Informationspolitik sollen möglichst ausbalanciert werden. Das Seminar möchte Sprachlosigkeit und Emotionalität in eine wissenschaftliche Analysepraxis, in etwas Produktiv-Analytisches, umlenken helfen. Es ist grundsätzlich überparteiisch und multiperspektivisch ausgerichtet und gibt weder Raum für antisemitische, antijüdische oder anti-israelische, noch für muslimfeindliche oder arabophobe Einstellungen. Vielmehr wird ein lebendiger Dialog angestrebt, der sich auf Friedensforschung und Konfliktlösungsstrategien, völker- und menschenrechtliche Positionen konzentriert. Ausdrückliches Ziel ist, politische Rachelogiken und Gewaltspiralen sichtbar und kritisierbar zu machen – entlang von Texten und Hörstücken u.a. dieser Autor*innen: S. Adwan, D. Bar-On, J. Butler, J. Derrida, P. Grabher, S. Hoffmann, G. Maté, M. Mendel, R. Morag, E. Said, G. Seeßlen.
Es geht darum, ein Denken zu befördern, das auf eine beidseitige Konfliktbetrachtung fokussiert, anstatt die beiden Seiten gegeneinander auszuspielen – mit Blick auf ein erhofftes künftiges Wohlergehen und eine freundliche Nachbarschaft beider Kollektive. Hierzu werden Ansätze reflektiert, die auf eine Anerkennung der Geschichte und des Narrativs des jeweils ‚Anderen‘, den gegenseitigen Abbau von Feindbildern sowie Anti-Gewalt-Trainings gerichtet sind. Hierzu werden aktuelle und vergangene humanitäre und Friedensaktivitäten und Untersuchungsmodi vorgestellt, wie z.B. Breaking The Silence, Chefs For Peace, Combatants For Peace, Good Water Neighbors, Feminist Peace Studies, Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und Rassismus e.V., Othering & Belonging Institute at UC Berkeley, Standing Together, Physicians for Human Rights, The Israeli Committee Against House Demolitions, The Parents Circle – Family Forum, Neve Shalom/Wahat al-Salam-Schule.
Das Seminar adressiert u.a. folgende Fragen: Wie wird die Gewalt- und Psychotraumageschichte beider Kollektive in Filmkulturen aus oder über den so genannten Nahen Osten verarbeitet? Wie lässt sich das Verhältnis von Simultaneität und Konfliktträchtigkeit von (jüdisch-)israelischer und arabisch-palästinensischer Kultur, Gesellschaft und Politik beschreiben? Welche Rolle spielen die kulturellen Artefakte für das jeweilige Selbstverständnis und die Selbstkritik der beiden Kollektive? Wie hängen diese kulturellen Reflexionen mit offiziellen Erinnerungsnarrativen und kollektiven Ängsten und Feindbildern zusammen? Und was macht es in Deutschland so schwer, sachlich über Israel/Palästina und verschiedene Konfliktlösungsansätze (u.a. Zwei-Staaten-Lösung) zu sprechen?
Das SE umfasst einen Workshoptag zur internationalen Konflikt- und Friedensforschung, bei dem Studierende in verschiedenen Rollen mitwirken.
Bitte melden Sie sich nach Möglichkeit über diese Emailadresse an und erläutern Sie Ihr spezifisches Interesse an dem Thema in ein paar Sätzen: julia.koehne@cms.hu-berlin.de.
Prüfungsformen: Hausarbeit, multimediale Prüfung |