| Kommentar |
In den letzten Jahren hat sich die Arbeit an der Entwicklung einer abolitionistischen Anthropologie deutlich intensiviert (Alves, 2021; Cox, 2022; Glück, 2024; Jobson, 2020; Shange, 2019, 2022). Unter Abolitionismus verstehen wir Ansätze, die über bloße Reformen hinausgehen und eine grundlegende Transformation bestehender Macht- und Ausbeutungsverhältnisse anstreben. Diese Denkrichtung wurzelt in historischen Kämpfen gegen Versklavung und Kolonialismus und findet heute ihre Fortsetzung in Bewegungen gegen Grenzregime, Inhaftierungssysteme und geschlechtsspezifische Gewalt. Abolitionistische Perspektiven argumentieren, dass über-, para- und staatliche Sicherheitsapparate, kapitalistische Wirtschaftsformen und patriarchale Strukturen in ihrer Verzahnung analysiert und gemeinsam überwunden werden müssen, um Bedingungen für Freiheit und Emanzipation zu schaffen.
Die Entwicklung einer abolitionistischen Anthropologie steht in einer langen Tradition der Auseinandersetzung mit den Machtgefügen und politischen Ökonomien, die unsere wissenschaftliche Praxis bedingen und prägen. Sie baut auf staatskritischen, materialistischen, feministischen und anti/dekolonialen Ansätzen auf und hinterfragt gezielt die die institutionellen, gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Beziehungsgefüge unserer Forschungsarbeit. Im Zentrum steht die Aushandlung und Verankerung der ethischen und politischen Prinzipien und Grundsätze, die für eine emanzipatorische, abolitionistische anthropologische Praxis handlungsleitend sein sollten.
In diesem Studienprojekt erkunden wir gemeinsam bestehende abolitionistische Projekte und ihre charakteristischen Ansätze. Wir untersuchen, was wir von und mit diesen Initiativen lernen und weiterentwickeln können. Dabei verstehen wir abolitionistische Praxis als einen Prozess, der im Alltäglichen beginnt: zum Beispiel durch Netzwerke gegenseitiger Fürsorge und Unterstützung, durch die Erprobung gemeinschaftlicher Verantwortungsmodelle, durch Konzepte transformativer Gerechtigkeit als Alternative zu strafenden Systemen oder durch Kampagnen gegen die Kriminalisierung von Armut. Neben lokalen Initiativen wird ein Schwerpunkt des Studienprojekts auf den Erfahrungen, der Praxis und Visionen der kurdischen Freiheitsbewegung liegen, möglicherweise samt Kollaborationen mit Studierenden in Rojava. |