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Das Konzept des „oppositionellen Blicks“ geht auf einen einflussreichen Essay der Kulturtheoretikerin bell hooks zurück (The Oppositional Gaze: Black Female Spectators, 1992). In kritischer Auseinandersetzung mit dominanten Bild- und Blickregimen formuliert hooks einen widerständigen Schwarzen weiblichen Blick, der hegemoniale Repräsentationsmuster in der visuellen Kultur aufdeckt und unterläuft. Der Blick wird dabei nicht nur als rezeptive Haltung verstanden, sondern als ermächtigende Praxis, die neue Bilder und Gegenbilder hervorbringt. Eine zentrale Referenz für hooks ist der für die Kunstwissenschaft bahnbrechende Aufsatz Visual Pleasure and Narrative Cinema (1975) von Laura Mulvey, der anhand des Repräsentationssystems Hollywood die „Frau als Bild“ im Kontext eines kontrollierenden Blicks (male gaze) herausstellt. Die Frage nach dem Bild der kolonialisierten, nicht-weißen Frau bleibt dabei offen. hooks’ Kritik an dieser Leerstelle bildet die theoretische Grundlage für das Seminar.
Ausgehend von hooks’ Konzept untersuchen wir künstlerische Arbeiten, die die Frage nach der „Frau als Bild“ im Zusammenhang mit Schwarzen Selbst- und Fremdbildern, kolonialen Bildpolitiken und deren ästhetischer Re-Visionierung zur Diskussion stellen. Im Fokus stehen Strategien, die das Verhältnis von Bild und Blick gezielt irritieren – etwa durch die Subversion tradierter Darstellungsweisen, durch visuelle Gegenerzählungen oder durch aktive Re-Lektüren westlicher Kunstgeschichte/kanonischer Werke. Besondere Aufmerksamkeit gilt zudem der künstlerischen Auseinandersetzung mit Darstellungen Schwarzer Körper in der europäischen Malerei des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Diese historischen Bildtraditionen werden im Seminar im Dialog mit zeitgenössischen Arbeiten diskutiert. Das Seminar versteht zeitgenössische Praktiken Schwarzer Künstler:innen als Eingriffe in die Wissens- und Bedeutungsordnungen der Kunstgeschichte – als Bildpolitiken, die dominante Repräsentationsmuster erkennbar machen und neue Repräsentationsformen und Narrative entwerfen.
Zur Diskussion steht eine Auswahl an Arbeiten von Fronza Woods, Julie Dash, Faith Ringgold, Mickalene Thomas, Howardena Pindell, Romare Bearden, Danielle McKinney, Lynette Yiadom-Boakye, Wangari Mathenge, Esiri Erheriene-Essi, Henry Taylor, William H. Johnson, Laura Wheeler Waring sowie Arbeiten im Dialog mit Marie-Guillemine Benoist, Edouard Manet, Félix Vallotton, Jean-Pierre Schneider, Aimé Mpane, Maud Sulter, Elisabeth Colomba, Tsandile Tschabalala und Roméo Mivekannin.
Die künstlerischen Arbeiten werden mit Schlüsseltexten aus den Black Studies und feministischer Kunsttheorie verschränkt – darunter Beiträge von bell hooks, Audre Lorde, Saidiya Hartman, Tina Campt, Hortense Spillers, Lorraine O’Grady, Judith Wilson, Denise Murrell, Adrian Piper sowie Sander L. Gilman und Malek Alloula.
Die Inhalte werden in den Sitzungen in gemeinsamer Diskussion entwickelt. Dies setzt eine regelmäßige Teilnahme, die selbstständige und gründliche Erarbeitung der Texte sowie aktive mündliche Mitarbeit voraus. Für jede Sitzung bereiten Gruppen von Expert:innen einen zehnminütigen Input sowie Diskussionsfragen vor. Diese Gruppenarbeit bildet die Grundlage für die individuelle Weiterarbeit im Rahmen einer möglichen Hausarbeit. |
| Bemerkung |
Das Seminar findet in doppelten Sitzungen, dienstags, 9-12 Uhr, in Raum 3.42, Georgenstraße 47, an folgenden Terminen statt: 14.10.2025, 28.10.2025, 11.11.2025, 09.12.2025, 13.01.2026, 27.01.2026, 10.02.2026. |