| Kommentar |
Die mit der europäischen Frühen Neuzeit befasste Kunstgeschichtsschreibung ist im 20. Jahrhundert wohl kaum so nachhaltig geprägt worden wie durch die Annahme, dass der Neuplatonismus das umfangreichste Reservoir an Philosophemen aufzubieten hatte, der Bedeutung enigmatischer Kunstwerke dieser Zeit auf die Spur zu kommen. Dass diese Auffassung ein kunsthistoriographisches Konstrukt sein könnte, wurde als „Götterdämmerung des Neuplatonismus“ (Bredekamp 1992) apostrophiert, die eintrete, sobald andere geistesgeschichtlichen Strömungen wie die des Stoizismus, aber vor allem des Epikureismus für die Deutung von Kunstwerken in Anschlag gebracht würden.
Vor dem Hintergrund dieser komplexen kunsthistoriographischen Debatte, die bis heute andauert, wollen wir im Seminar versuchen, uns zunächst eine Auswahl an Quellentexten und Werken zu erschließen und wechselseitige Bezüge zwischen philosophischen Konzepten und künstlerischen Werken diskutieren. Ziel des Seminars ist, die jeweilige Bildspezifik eines Werks ebenso im Einklang wie im Missklang mit philosophischen Debatten der Zeit herauszuarbeiten. Das Seminar erfordert eine hohe Bereitschaft für die umfangreiche Lektüre philosophischer Texte.
Quellen
Platon, Gastmahl
Aristoteles, Nikomachische Ethik
Lukrez, De rerum natura
Nikolaus von Kues, De visione Dei
Marsilio Ficino, Über die Liebe
Giovanni Pico della Mirandola, Über die Würde des Menschen |
| Literatur |
Erwin Panofsky: 'Idea' : ein Beitrag zur Begriffsgeschichte der älteren Kunsttheorie, Leipzig 1924.
Ernst Cassirer, Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance, Hamburg 1926.
Edgar Wind, Heidnische Mysterien in der Renaissance, übers. v. Münstermann, Christa, Frankfurt am Main 1984.
Horst Bredekamp, Vicino Orsini und der heilige Wald von Bomarzo: ein Fürst als Künstler und Anarchist, Worms 1991.
Horst Bredekamp, „Götterdämmerung des Neuplatonismus“, in: Jean Arrouye und Andreas Beyer (Hg.), Die Lesbarkeit der Kunst: zur Geistes-Gegenwart der Ikonologie, Berlin 1992, S. 75–83.
Stephen Greenblatt, The swerve: how the world became modern, New York 2011.
|