Was bedeutet es, wenn der Hl. Ludwig von Toulouse einen chinesischen Samt auf einer Tafel von Simone Martini trägt? oder eine adelige Frau eine Haube aus dünnem, transparentem Leinenstoff in einem Miniaturporträt? In dieser Übung vor Originalen in der Gemäldegalerie werden dargestellte Kleidung und Stoffe aus textil- und modehistorischer Perspektive gesehen. Untersuchungsgegenstand ist Malerei aus Westeuropa, 1300–1600.
Grundfragen der Lehrveranstaltung sind:
Welche Stoffe werden dargestellt und wo kommen diese her? Im Mittelalter und in der Neuzeit war die Textilindustrie die zweitgrößte wirtschaftliche Branche (nach der Agrarwirtschaft) und beförderte Wachstum und Innovation. Textil war auch Gegenstand des Welthandels mit europäischen Produkten (vor allem Wolltücher) getauscht gegen wertvolle Importe vor allem aus Asien (zentralasiatischen Seiden oder indischer Baumwolle, zum Beispiel). Erstes Ziel dieser Übung soll es sein, Grundkenntnisse über textile Techniken und die globale Produktion der Zeit zu sammeln, um verschiedene Stoffe erkennen zu können und darüber nachzudenken, wie die dargestellten Objekten zusammen gekommen sind.
Wie werden verschiedene Stoffe und Bearbeitungstechniken maltechnisch differenziert? Auch in der Malerei war Textil ein Auslöser für technische Innovation: wie genau zwischen Damast und Samt unterscheiden, wie den Glanz von Goldstoff oder die strukturierte Oberfläche des Leinens wiedergeben, waren Fragen, die sich viele Künstler im ganzen Zeitraum vom 14. zum 16. Jahrhundert gestellt haben, mit sehr unterschiedlichen Antworten.
Auch interessant in dieser Hinsicht ist die Frage nach der Verfügbarkeit von Modellen; ob Stoffe anhand entsprechender Modelle dargestellt werden oder mit Hilfe von Musterzeichnungen variiert und neu erfunden, kann man zum Teil beobachten sowie aus Handbüchern erfahren.
Was ist die Aussagekraft solcher Darstellungen in biblischen Erzählungen und zeitgenössischen Porträts? Die Selbstinszenierung portraitierter Personen mit Hilfe teurer Kleidung wird nachgefragt. Sie beleuchtet die Verwendung teilweise ähnlicher - teilweise stark abweichender - Kleidung in religiöser Malerei. Das 14. Jahrhundert wird oft als Anfang der ‚Mode-Revolution‘ beschrieben, mit raschem Wechsel der Formen und zunehmender Komplexität der Konstruktion von Kleidung; die Epoche ist auch die Zeit der Kleiderordnungen und der filigranen Distinktion sozialer Stellung. Unter diesen Umständen ist eine bestimmte Stoff- oder Ornamentauswahl sowohl als Aussage in der kodierten Sprache der Ständegesellschaft als auch als Ausdruck persönlicher Identität zu lesen.
Die gleichen Regeln beeinflussen die Darstellung biblischer Episoden, wobei die Wahl ‚zeitloser‘ oder auch stark ‚exotischer‘ Kleidung für einzelne Personen das Spektrum des Möglichen erweiterten; die Darstellung des gesellschaftlich ‚Anderen‘ wird auch in der Übung thematisiert. |