| Kommentar |
Der Schnitt und die verschiedenen Schneidetechniken gehören zu jenen fundamentalen künstlerischen Praktiken, die eindeutige Gattungszuordnungen, Medienzugehörigkeiten oder Bedeutungszuschreibungen überschreiten. Seit der Aufklärung etabliert sich mit dem Scherenschnitt ein bürgerliches Formprinzip, während sich seit dem 20. Jahrhundert auch avantgardistische Künstler Schnitttechniken aneignen, um filigrane Scherenschnittfilme oder Collagen anzufertigen.
Das Seminar untersucht an ausgewählten Beispielen seit dem 18. Jahrhundert das negative Formgebungsprinzip des Schnitts und geht insbesondere jenen Transformationen und Bedeutungsverschiebungen nach, die wesentliche Impulse aus wissenschaftlichen Fragestellungen jenseits der Künste erfahren haben. Die exemplarische Analyse von Schnittprinzipien wird dabei so unterschiedliche Facetten umfassen wie die physiognomischen Scherenschnittporträts Lavaters, Carus’ und Goethes, die reformpädagogische Praxis des Schneidens sowie Schnitt- und Collageverfahren der Moderne (Höch, Matisse etc.), aber auch die Scherenschnittfilme Lotte Reinigers oder Zeitungsausschnitte als kulturtechnischer Praxis. Ziel ist es, die Bedeutung des Schnitts als künstlerische Praxis in seinen verschiedenen Ausprägungen und historischen Facetten zu bestimmen – und die Ergebnisse von Schnittpraktiken sowohl als wissenshistorische Papierobjekte als auch als Kunstformen zu interpretieren.
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| Literatur |
Marion Ackermann (Hg.): SchattenRisse. Silhouetten und Cutouts, Ausst.kat., Ostfildern-Ruit 2001; Ernst Biesalski: Scherenschnitt und Schattenrisse. Kleine Geschichte der Silhouettenkunst, München 1964; Evamaria Blattner, Dorothee Kimmich (Hg.): Lotte Reiniger – im Kontext der europäischen Medienavantgarde, Tübingen 2011; Anke Te Heesen: Der Zeitungsausschnitt. Ein Papierobjekt der Moderne, Frankfurt a. M. 2006. |